In einem kurzen Zeitraum von nur 14 Jahren zwischen den beiden Weltkriegen veränderte die deutsche Kunst- und Gestaltungsschule Bauhaus die Moderne. Eine Kreativgemeinschaft, die entschlossen war, Gestaltung völlig neu zu denken und eine bessere Zukunft für moderne Menschen zu formen. Anlässlich des hundertjährigen Bauhaus – Jubiläums werfen wir einen Blick auf Geschichte, Stil und Nachwirken. Eine Hommage an die legendäre Kunst-, Architektur-, und Ideenschmiede.

Die Geschichte

Der Architekt Walter Gropius (1883–1969) gründete das „Staatliche Bauhaus“ 1919 in Weimar. Die Schule führte die ehemalige großherzogliche Kunstgewerbeschule und die Kunstakademie Weimar zusammen – und lehrte Studenten ein breites Spektrum an Kunst und Design. Von Weberei und Tischlerei bis zur Keramik und Buchbinderei. Obwohl Gropius Architekt war, verfügte das Bauhaus erst ab 1927 über eine eigene Architekturabteilung.

Nach einer erzwungenen Schließung des Bauhauses, verlegte Gropius die Schule 1925 nach Dessau. Dort erlebte das Bauhaus und die Bauhaus-Architektur von 1925 bis 1932 seine Blütezeit. In Dessau finden sich deshalb zahlreiche Bauhaus-Bauten, viele sind UNESCO-Weltkulturerbe. Das Bauhaus – Gebäude, die Meisterhäuser und die Laubenganghäuser gehören zu den bekanntesten Gebäuden.

Im Laufe der Zeit lehrten viele große Künstler als Meister am Bauhaus. Zu den bekanntesten gehörten Paul Klee, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Lilly Reich oder Gerhard Marcks. Neben Walter Gropius führten Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus als Direktoren – bis das Bauhaus seine Türen 1933 für immer schließen musste.

Junge Leute spielen in einer Band.
Die Bauhaus-Kapelle (T. Lux Feininger: Klarinette, Waldemar Alder: Trompete, Ernst Egeler: Schlagzeug, Clemens Röseler: Posaune, Friedhelm Strenger: Klavier), Dessau 1930 Foto: unbekannt/ © Bauhaus-Archiv Berlin

Philosophie und Stil

Die Philosophie des Bauhauses war einzigartig. Anlässlich einer Ausstellung im Jahre 1919 erklärte Gropius sein Ziel, „eine neue Handwerkergilde zu gründen, ohne die Klassenunterschiede, die eine arrogante Barriere zwischen Handwerker und Künstler darstellen.“ Folgende Bauhaus-Besonderheiten lassen sich festhalten:

Interdisziplinärer Ansatz

Das Bauhaus vereinte zahlreiche Einflüsse. Es löste die Grenzen zwischen künstlerischer Kreativität und Designnutzen auf und führte verschiedenste Stilrichtungen in einer einzigen, allumfassenden Kunstform zusammen. Deshalb gibt es keinen klassischen „Bauhausstil“ – nur einem Stil zu folgen, hätte dem Grundgedanken des Forschens und Experimentierens widersprochen. Gropius nannte diesen Grundgedanken „Wesensforschung“.

Die Form folgt der Funktion

Dieser Leitsatz zieht sich durch alles, was das Bauhaus je hervorbrachte. Studierende und Lehrende des Bauhauses entwarfen zum Beispiel einfache und geometrische Formen, die sich nach der Funktion und dem Zweck eines Gebäudes richteten. Ein weltberühmtes Beispiel ist das von Josef Hartwig entworfene Bauhaus-Schachspiel: Im Gegensatz zu herkömmlichen Schachfiguren orientierten sich die Bauhaus-Schachfiguren in ihrer Form an der Funktion der Spielsteine.

Eine ganzheitliche Lehre

Das Bauhaus vereinte nicht nur bildende Kunst, Grafikdesign, Architektur, Produktdesign, Möbeldesign und mehr in einem „Gesamtkunstwerk“. Auch die Ausbildung hatte eine ganzheitliche Entwicklung der Persönlichkeit als Ziel. Das wichtigste Fundament der „Gestalterausbildung“ war das Experimentieren in den Werkstätten. Dort verflossen die Grenzen zwischen Lehre und Praxis und Studierende probten den Umgang mit verschiedensten Materialien.

Blick auf ein Treppenhaus im Bauhaus-Stil.
Haus Schminke (1930), Architekt: Hans Scharoun Photo: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com

Philosophie in der Praxis

Marcel Breuer lehrte seinen Schülern zum Beispiel, die Natur von Möbeln zu dekonstruieren, das Design zu reduzieren und Materialien zu ersetzen, um funktionellere Erfindungen zu entwickeln.

Unter der Leitung des ungarischen Malers, Fotografen und Typografen László Moholy-Nagy schmiedete die Designerin Marianne Brandt einzigartige Leuchten und Geschirr im metallverarbeitenden Atelier. Ihre Werke waren sowohl ästhetisch als auch nützlich.

Lis Beyer-Volger belegte Kurse bei Paul Klee, Wassily Kandinsky und Johannes Itten und besuchte anschließend die Bauhaus-Weberei bei Georg Muche. Dort entwarf sie ein geometrisch geschnittenes Kleid, das knapp über dem Knie endete. 1928 war ein solch knappes Kleid ein Skandal.

Das Ende des Bauhauses – und die Nachwirkungen

Politische Spannungen setzten dem Bauhaus immer wieder zu. Das Bauhaus war dem NS-Regime ein Dorn im Auge, weil es nach deren Meinung „entartete“ und „bolschewistische“ Kunst produzierte. Nachdem die Nazis 1932 die Kontrolle in Dessau übernahmen, schloss die Schule und wurde noch im selben Jahr in Berlin wiedereröffnet. Am Bauhaus Berlin war eine Arbeit durch die Repressalien der Nationalsozialisten und die drastischen Kürzungen der Mittel fast unmöglich. Bereits im April 1933 musste das Bauhaus dauerhaft schließen.

Trotzdem konnten die Nazis die Bauhaus-Philosophie nicht stoppen. Viele Studierende und Lehrende der Hochschule flohen ins Ausland und beeinflussten Architekten und Künstler auf der ganzen Welt. Das Bauhaus wurde zum größten kulturellen Exportschlager im 20. Jahrhundert. In Tel Aviv entwarfen jüdische Architekten zum Beispiel 4.000 Gebäude im Bauhausstil – die „weiße Stadt“ ist heute UNESCO-Weltkulturerbe.

Walter Gropius, Marcel Breuer, László Moholy-Nagy und Josef Albers flohen in die Vereinigten Staaten und setzten ihr Wirken dort fort. Vor allem Chicago wurde in 1930er Jahren zu einem der wichtigsten Städte für Architektur und Design. Moholy-Nagy entwarf dort beispielsweise das „New Bauhaus“ – das heutige „Illinois Institute of Technology“.

Ein Charaktermerkmal des Bauhauses ist es, dass es viele verschiedene internationale Strömungen in sich bündelt. Somit wirken die Ideen weit über das eigentliche Bestehen hinaus. Dies geschah vor allem durch das Mitwirken ehemaliger Lehrer und Schüler und durch das Weiterbestehen und Knüpfen neuer auch internationaler Netzwerke.

Heute finden sich Bauhaus-Einflüsse in den verschiedensten Dingen wie Möbeln, Kleidungsstücken und Gebäuden. Mal mehr oder weniger bekannte Designer schaffen Ihre Arbeiten, auf Grundlage von Philosophie und Stil des Bauhaus. Verschiedene Werke lassen sich im Bauhaus-Shop im temporary bauhaus-archiv Berlin bestaunen und auch erwerben.

Eine große Uhr an der Fassade eines Hauses.
Weiße Stadt Berlin / Weisse Stadt Berlin (1929–31), Architekten: Martin Wagner, Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends, Wilhelm Büning Photo: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com

Frauen am Bauhaus

Schon vor der Gründung 1919 versprach Gropius die Gleichbehandlung von Frauen. Er sagte: „Als Lehrling aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Begabung und Vorbildung vom Meisterrat als ausreichend erachtet wird.“ Das war eine Neuheit, denn noch im 19. Jahrhundert hatten Frauen in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen zu Kunstakademien keinen Zugang. Bereits im ersten Semester 1919 waren mehr weibliche als männliche Studenten eingeschrieben.

Diese fortschrittlichen Verteilung der Geschlechter wurde in der öffentlichen Wahrnehmung stark diskutiert. Noch im selben Jahr befürchtete Gropius, dass die Anzahl der Frauen am Bauhaus dem Ansehen der Akademie schaden könnte. Er empfahl „keine unnötigen Experimente“ mehr zu machen, und forderte eine scharfe Aussonderung direkt nach der Aufnahme die vor allem Frauen betreffen sollte. Infolgedessen verdrängten viele Meister Frauen aus Ihren Kursen, zum Beispiel aus Töpferei, grafischer Druckerei und der Metallwerkstatt. Weibliche Studentinnen wurden fortan überwiegend in die Weberei „abgeschoben“. Der berühmte Architekt Oskar Schlemmer prägte den Satz: „Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib“. Mit diesem Spott traf er erneut den Zeitgeist und untermauerte die Vorurteile. Ab 1920 wurde die Weberei offiziell zur „Frauenklasse“ ernannt.

Einige Frauen eroberten sich dennoch Plätze in Männerdomänen, so zum Beispiel Dörte Helm und Lou Scheper in der Wandmalerei. Auch aus der Weberei erhoben sich berühmte Künstlerinnen. An dieser Stelle müssen Gunta Stölzl und Anni Albers genannt werden. Vor allem Anni Albers prägte als Textilkünstlerin die Epoche der Abstrakten Kunst. Ursprünglich wollte Sie Malerin werden. Nach anfänglicher Ablehnung entdeckte Sie in der Weberei Ihre künstlerische Freiheit. Ihre Werke werden bis heute in Ausstellungen quer über den Globus ausgestellt.

Eine Frau mit Maske sitzt in einem Sessel.
Frau im Clubsessel B3 von Marcel Breuer (Ausschnitt), 1927 / Maske von Oskar Schlemmer, Kleid von Lis Beyer Foto: Arieh Sharon, 1962 / © Klassik Stiftung Weimar/ © Stephan Consemüller (Erich Consemüller)

Schlusswort

Selbst 100 Jahre nach der Gründung beeinflusst das Bauhaus weiterhin Designer, Künstler und Architekten weltweit. Wer den Bauhaus-Einfluss in der heutigen Zeit sucht, wird schnell fündig – schauen Sie sich zum Beispiel Designerinnen und Designer in bekannten Möbelhäusern an: Das Konzept von erschwinglichen, modernen und funktionellen Möbeln ist oft von klassischen Werken der Bauhaus-Designer inspiriert. So begegnen uns die Einflüsse des Bauhauses im Alltag. Taucht man erstmal in das Thema ein, ist man schnell von einem Bauhaus-Virus infiziert. Die visionäre Kraft der Bauhaus-Utopie strahlt bis heute. Es gibt zahlreiche Kultur wie Literatur, Film und Veranstaltung rund um das Bauhaus. Vor allem ein Besuch im Bauhaus Archiv in Berlin ist sehr zu empfehlen. Auch in Weimar, Dessau und Tel Aviv gibt es interessante Museen und Einrichtungen rund um das Bauhaus.

Selbst der einstige „Vorkurs“ der Bauhaus-Schule, der Arbeit und Lehre miteinander verknüpfte, prägt bis heute den Unterricht vieler Kunst- und Architekturschulen auf der ganzen Welt. Das Bauhaus ist ein Musterbeispiel dafür, wie uns starke Ideen jahrhundertelang prägen können. Wir wünschen dem Bauhaus ein wunderbares Jubiläum und hoffen, dass diese legendäre Schule ihren Einfluss nicht verliert. Haben Sie Lust auf weitere Beiträge rund um das Thema Immobilien, dann besuchen Sie doch mal unseren Blog.

Titelbild: Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung Berlin (1976–79), Architekten: Walter Gropius, Alex Cvijanovic, Hans Bandel / Photo: © Tillmann Franzen, tillmannfranzen.com © VG Bild-Kunst, Bonn 2018